Die Nibelungensage ist so etwas wie deutsches bzw. germanisches Kulturgut und Figuren wie Drachentöter „Siegfried“ oder dessen Liebste „Kriemhild“ immer noch im hiesigen Volksmund verbreitet. Dass die mit phantastischen Elementen angereicherte Heldenreise, deren bedeutendste filmische Umsetzung 1924 unter der Regie von Fritz Lang entstand, im Zuge des Hypes um beispielsweise DER HERR DER RING (2001-2003) oder auch GAME OF THRONES (2011-2019) bisher eher stiefmütterlich behandelt wurde, wirft doch einige Fragen auf. Gereicht hat es lediglich für Holzhammer-Klamauk mit Tom Gerhardt, der 2005 mit SIEGFRIED die Geschichte verballhornen durfte. Nun hat sich Constantin Film dem Stoff einmal mehr angenommen, allerdings mit einem deutlich ernsthafteren Tonfall und internationalem Touch. HAGEN – IM TAL DER NIBELUNGEN (2024) erzählt die Geschichte aus einem anderen Blickwinkel und kommt als historisches Fantasy-Spektakel daher. Ob das auf Epos getrimmte Werk im internationalen Vergleich bestehen kann, erfahrt ihr in unserer Kritik.

Originaltitel: Hagen – Im Tal der Nibelungen
Drehbuch: Cyrill Boss, Philipp Stennert, Doron Wisotzky; nach dem Roman HAGEN VON TRONJE von Wolfgang Hohlbein
Regie: Cyrill Boss, Philipp Stennert
Darsteller: Gijs Naber, Jannis Niewöhner, Dominic Marcus Singer, Lilja van der Zwaag, Rosalinde Mynster, Jördis Triebel…
Artikel von Christopher Feldmann
Handlung:
Der Burgunder Waffenmeister Hagen von Tronje (Gijs Naber) hält mit Pflichtbewusstsein und eiserner Härte das von Krisen geschüttelte Königreich zusammen. Dabei unterdrückt er die heimliche Liebe zur Königstochter Kriemhild (Lilja van der Zwaag) und verdrängt seine eigene dunkle Vergangenheit. Als der berühmte Drachentöter Siegfried von Xanten (Jannis Niewöhner) in Worms auftaucht und mit seiner Unberechenbarkeit die alten Strukturen gefährdet, wird Hagen zunehmend zur tragischen Figur. Der junge und durch den plötzlichen Tod seines Vaters noch unerfahrene König Gunter (Dominic Marcus Singer) sieht in Siegfried eine Chance, das Reich zu retten. Er bittet ihn um Hilfe, ausgerechnet die gefährliche Walküre Brunhild (Rosalinde Mynster) zur Frau zu nehmen. Als sich Kriemhild in Hagens Widersacher Siegfried verliebt, muss er sich zwischen Liebe und Königstreue entscheiden. Hagen von Tronje wird dabei herausfinden, wer er wirklich ist.

Bevor man an HAGEN – IM TAL DER NIBELUNGEN mit der Erwartung herangeht, eine moderne Adaption des klassischen Nibelungenlieds (die wahrscheinlich geläufigste überlieferte Fassung der Sage), sollte erwähnt werden, dass es sich hier um eine relativ freie Interpretation des Stoffs handelt. Für den Film nutzte man den Roman HAGEN VON TRONJE von Wolfgang Hohlbein als Vorlage, welcher 1986 erschien und die Geschichte mit Elementen anderer Sagenkreise verband. Zusätzlich erzählte Hohlbein die Geschichte aus einem ganz anderen Blickwinkel, agiert hier doch der eigentlich als Antagonist bekannte „Hagen“ als Hauptfigur, dessen Motive der Roman ambivalent darstellt. Hingegen wird der zum makellosen Helden verklärte „Siegfried“ als arroganter und selbstverliebter junger Mann dargestellt.
Für die Neuverfilmung wählte man eben jenen Ansatz, um der Sage einen frischen Dreh zu verleihen. Hier steht ebenfalls „Hagen“ im Mittelpunkt, dessen Hintergründe und Motive angepasst wurden, ebenso wie jene der restlichen Charaktere. Ein durchaus reizvoller Perspektivwechsel, womit sich das Ganze frisch anfühlt und nicht wie ein bloßes Remake des Lang-Klassikers oder einer 1:1-Verfilmung des Originaltexts. Was dem Film und somit auch dem Sehvergnügen etwas in die Parade fährt, ist die Tatsache, dass die Handlung doch relativ bruchstückhaft daherkommt und die Figuren nur oberflächlich charakterisiert werden. Dies ist dem Umstand geschuldet, dass die Regisseure Cyrill Boss und Philipp Stennert das Ganze parallel als sechsteilige TV-Serie für den Streamingdienst RTL+ inszenierten, was dazu führte, dass das Material auf eine Länge von gut zwei Stunden zusammengekürzt wurde. Mit diesem Wissen fühlt sich HAGEN dann doch etwas fragmentarisch und auf das Wesentliche eingedampft an. Um das Epos gebührender zu beurteilen, empfiehlt es sich, auf die Serienversion zu warten, die noch in diesem Jahr an den Start gehen soll. Auslassungen innerhalb der Handlung und das Fehlen einiger Szenen, die der Charakterisierung einzelner Figuren dienen sind somit zwar schade aber auch einfach ein notwendiges Übel.

Zumindest lässt sich sagen, dass das Ganze durchaus vielversprechend wirkt, auch wenn die Kinoversion den Erwartungen nicht gerecht werden kann. Rein optisch hat HAGEN – IM TAL DER NIBELUNGEN auf jeden Fall etwas zu bieten, überzeugt das historische Fantasy-Spektakel doch mit guten Produktionswerten, einer liebevollen Ausstattung und ansehnlichen Effekten. Zwar hält es zahlreichen Ankündigungen, es handele sich hier um ein deutsches DER HERR DER RINGE, nicht stand (dafür fehlt es dem Ganzen doch etwas an Epik), die Nähe zu Referenz-Serien wie GAME OF THRONES (2011-2019), VIKINGS (2013-2020) oder auch THE LAST KINGDOM (2015-2022) ist allerdings nicht zu leugnen. Für das Auge hat der Film durchaus etwas zu bieten, was auf die gute Kameraführung zurückzuführen ist, auch wenn gerade in den Schlachten- und Actionszenen die Limitierung einer deutschen Produktion durchaus sichtbar wird. Ruft man sich ähnlich gelagerte Szenen aus Filmen wie GLADIATOR (2000) oder auch zuletzt NAPOLEON (2023) ins Gedächtnis, zieht HAGEN in dieser Beziehung deutlich den Kürzeren, wurden hier aus budgetären Gründen augenscheinlich abstriche gemacht, so dass Schlachten deutlich kleiner und auch kürzer ausfallen. Das kann zwar in mancher Hinsicht durch Kostüme und Kulissen kompensiert werden, dennoch fehlt es einfach an einer gewissen Größe, damit HAGEN wirklich seine Wirkung entfalten kann.
Dennoch muss man dem Projekt durchaus einen gewissen Respekt zollen, sind solche Filme im deutschen Kino doch eher Mangelware und es ist erfreulich, dass man hier doch die nötigen finanziellen Mittel in einen Genrefilm investierte, der auch mit einer angenehmen Härte und doch recht bitterer Atmosphäre daherkommt. Die Regisseure Cyrill Boss und Philipp Stennert, die sich ihre Sporen mit Filmen wie der Edgar-Wallace-Persiflage NEUES VOM WIXXER (2007) und dem Groschenroman-Neuinterpretation JERRY COTTON (2010) verdienten, haben hier wirklich ihre Hausaufgaben gemacht und auch schon zuletzt mit der von ihnen konzipierten Serie DER PASS (2019-2023), einer losen Adaption der skandinavischen Hitserie DIE BRÜCKE (2011-2018) konnte das Duo seine Fähigkeit für stimmige Bilder unter Beweis stellen.
Constantin Film veröffentlichte den Film im Vertrieb von Universal Pictures Home Entertainment im Heimkino, sowohl physisch als 4K-Scheibe, Blu-ray und DVD, als auch digital. Bild- und Tonqualität der Blu-ray, welche uns zur Sichtung vorlag, sind sehr gut und mit der richtigen Hardware gewinnt der nochmal an Kinofeeling. Das Bonusmaterial besteht aus einem Making-Of, einem Making-Of der VFX, sowie dem Trailer.

Fazit:
HAGEN – IM TAL DER NIEBLUNGEN (2024) bietet ordentliche Produktionswerte, eine gute Ausstattung und einen frischen Perspektivwechsel, der der Nibelungensage ein paar frische Akzente und einen neuen Dreh verleiht. Zwar kann das historische Fantasy-Spektakel nicht mit internationalen Referenztiteln mithalten, für deutsches Kino ist das allerdings ein Schritt in die richtige Richtung, auch wenn es die Serien-Version abzuwarten gilt, um das Werk wirklich vollends beurteilen zu können. Ich bin durchaus interessiert.
Christophers Filmtagebuch bei Letterboxd – Your Life in Film